Es
geschah 1456 als
ein kleines portugiesisches Schiff auf
seinem
Weg nach Gambia von der
westafrikanischen Küste abgetrieben
und zu den damals unbewohnten Inseln getrieben
wurde. Der venetianische Kapitän, Aloisio
de Cadamosto, berichtete Prinz Heinrich
dem Seefahrer von seiner Entdeckung. Der
jedoch sandte António de Noli aus,
um hier die erste europäische Kolonie
südlich der Sahara zu entwickeln.
Die
Insel Santiago zeigte sich
schnell als die größte der
Inseln mit üppiger Vegetation und
Flüssen, die ganzjährig zur
Küste liefen. Hier liess sich die
Gebrüder de Noli nieder
und liessen Zuckerrohr-Plantagen und
ländliche Farmen entstehen, um die
wachsende Zahl der Sklavenschiffe auf
ihrem Weg über den Atlantik zu verproviantieren.
Die
Engländer waren damals
noch weit davon entfernt, eine geeinte
Nation zu sein und rieben sich auf im Krieg
der Rosen zwischen Lancaster und
York. Sie erschienen erst später
auf dem Plan, in der damaligen Hauptstadt Ribeira
Grande, heuteCidade Velha,
als Sir Francis Drake seine
Piraten ausschickte, die Männer
zu töten, die Frauen zu vergewaltigen
und selbst die Kirchenglocken an Bord
zu schleppen, bevor er sich davonmachte.
Heute beherbergt die Insel über 100 000
Menschen in der quirligen Hauptstadt
Praia mit
Regierung, Parlament und einheimischer
Industrie. Das Land wandelt sich rasant
von einer der unterentwickeltsten Kolonien
Portugals zu einer modernen Mehrparteien-demokratie
und zum aufsteigenden Stern am Tourismushimmel.
Die
Engländer und andere europäische
Nationen kehren zurück, diesmal
als Investoren und Urlauber - oder als
ein Mix aus beidem wenn sie sich ein
Häuschen unter subtropischer Sonne
kaufen, die 300 Tage im Jahr für
sie scheint.
Kreolische
Kultur hat auf Santiago das
Licht der Welt erblickt und wurde später
in die Karibik, nach Brasilien und entlang
der Perlenkette kreolischer Hafenstädte
rund um Afrika bis tief in den Indischen
Ozean exportiert nach Mombas und auf
die Seychellen.
Ihre stimmungsvolle und energiegeladene
Musik, ihre Tänze, ihre
religiösen Überzeugungen mit vorchristlichen Wurzeln aus der
iberischen Tradition, einem mittelalterlich anmutenden Katholizismus
und afrikanichen Elementen, haben sich allen Versuchen der Kontrolle
durch die Kolonialherren erfolgreich widersetzt. Sie schienen so einfach
und sie waren doch stärker. Familienbünde wurden unter schwierigsten
Bedingungen geknüpft. Vorwiegend arme europäische Siedler lebten
mit afrikanischen Sklavinnen, hatten Kinder, betrieben ihre Farm oder
ihr Geschäftchen und lebten im ständigen Konflikt mit einer
Gesetzgebung, die es ihnen nicht erlaubt, ihre Frauen und Kinder freizugeben.
Aber sie schafften es - und wenn es auf dem Sterbebett war - durch die
testamentarische Freigebung. Es entstand die Klasse der "Freien
von Santiago", welche sich eine neue Kultur schuf.
Kreolische
Musik hat sich über die
ganze Welt verbreitet und wird überall
geliebt dank ihrer Ausdrucksstärke,
ihrer starken Rhythmen und nicht selten
wohlüberlegten, manchmal gar philosophischen
Texte.
Die
Geschichte dieser Insel ist
unglaublich reich und es gibt so vieles
zu sehen. Bis heute ist nur ganz wenig
für den Tourismus aufbereitet und
es liegt in der Hand des Besuchers, sich
zu belesen, Entdeckungen zu machen und
peu a peu zu verstehen, wie drei Kontinente
gemeinsame Geschichte geschrieben haben.
Und da müssen wir noch einmal zu den Engländern zurückkommen,
nicht nur weil sie heute die fleissigsten Investoren und Touristen auf
Santiago sind. Boa Vista war bis 1845 die ökonomisch wichtigste
aller Inseln dank des englischen Salzhandels. Nahtlos folge der Boom São
Vicentes ab 1850 als eine der grössten Kohlebunkerstationen
der Welt. Die Kohle kam aus Wales und ging sofort weiter in den Bauch
britischer Dampfschiffe auf ihrem Weg nach Fernost, Nahost, Afrika und
Lateinamerika. Englische Telegraphengesell-schaften zogen neun Transatlantikkabel
von London nach São Vicente und in alle Himmelsrichtungen quer über
den Atlantik.
Es
fehlt an nichts für den Aufbau eines
auf Historie und Kultur ausgerichteten
Tourismus in
Santiago, ja es gibt eine moralische Verpflichtung
für die europäischen Nationen
zu helfen, die Stätten des Geschehens,
die Monumente und Zeugnisse zu bewahren
und aufzubereiten in einem angemessenen
Museum. Liverpool hat eine Museumsabteilung über
Transatlantische Sklaverei, Sansibar hat
ein Sklavereimuseum und Bagamoio ist dabei,
eines zu schaffen. In Cidade Velha,
wo Hunderttausende gelitten haben und den
letzten Zipfel afrikanischer Erde sahen,
bevor sie auf die Reise gingen und nicht
selten auf ihr umkamen, da wo das "Jahrtausendverbrechen" begann,
gibt es kein Museum und keine Gedenkstätte.
Berge
und Strände sind es, die eine moderne Freizeitgesellschaft
auf die Inseln bringen. Noch wird vorwiegend
entspannt und geschwommen, doch die Tauchschulen
und Surfbrettverleiher stehen in den
Startlöchern.
Die bekanntesten Touristenstrände sind Tarrafal and São Francisco
und viele andere werden in nächster Zukunft "developed" werden.
Ausgedehnte
Bergstöcke und grüne Täler
locken die Wanderer. Wir haben 33
der schönsten Wanderwege für
die Erstauflage unserer Wander-
und Freizeitkarte Santiago ausgewählt
und hoffen, dass uns nicht mehr allzu
lange Zeit von der Herausgabe eines Wanderführers
für die Sotavento-Inseln trennt.
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