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Kapverdische Inseln

Kriminalität
und Tourismus in Kap Verde

Dr. Pitt Reitmaier
Tropenarzt

Autor des Reisehandbuchs Cabo Verde - Kapverdische Inseln
im Verlag Reise Know How

Drucken Sie diese Seite aus, lesen Sie sie in Ruhe und nehmen Sie sie mit auf die Reise!

 

Karte Kapverdische Inseln Cabo Verde klein Ilha do Sal Maio Santo Antão São Vicente São Nicolau Boa Vista Santiago Brava Fogo

Seit der Tourismus auf Kap Verde zunimmt, liest man im Internet Berichte von Diebstählen und Überfällen. 

Wie an anderen Touristenorten auch, konzentrieren sich die Täter auf Strände und Städte.

Aus Boa Vista, Sal, São Vicente und Praia wird berichtet, daß erwachsene Einzeltäter Touristen an abgelegene Plätzen oder nachts berauben. Während von den Wanderinseln noch keine Überfälle auf Wanderer berichtet werden, sehen sich Wanderer auf den vom Badetourismus geprägten Inseln (Boa Vista, Sal und der Norden Santiagos) immer wieder maskierten, bewaffneten Tätern gegenüber.

In São Vicente kommen Gruppen sogenannter Straßenkinder hinzu, die auch tagsüber aktiv sind.

Hoteliers wissen von Beischlafdiebstählen durch Gelegenheitsprostituierte.  Die doppelt erleichterten Sextouristen beschweren sich nur selten bei der lokalen Polizei und nie im Internet.

Von den Seglern geht die Mär, daß sie sich gegenseitig stärker beklauen als sie von außen bedrängt werden. Auch die melden sich selten.

Der persönliche Rückblick:

Ich selbst habe bisher, glücklicherweise, keine negativen Erfahrungen aus Kap Verde.
Da ich aber seit 40 Jahren in Afrika reise und arbeite, ist mir unvermeidbar Ähnliches an anderem Ort passiert.

Als wir in Lissabon lebten, wurden die Schlösser unseres Autos wöchentlich durch Einbruchsversuche zerstört. Dabei liessen wir die alte Karre absichtlich offen, um die Schlösser zu schonen! Kommen wirklich auf einen schlauen Autodieb vier, die einfältig genug sind, auch ein offenes Schloß knacken zu wollen?

Dann sehe ich noch meine Kreditkarte in der Hand eines als Banker gekleideten freundlichen Herrn verschwinden. In Wirklichkeit hätte ich es gerne gesehen - so jedoch merkte ich erst Minuten später, daß ich eine andere, gestohlene Karte in meiner Hand hielt. Dank online-Zugriff auf die Zentralbank waren die Herren schneller als jeder Bankautomat. 10_000 $US haben sie in weniger als 15 Minuten abgehoben.
Eine gewisse Hochachtung vor der technischen Perfektion der Südafrikaner in diesem Metier kann ich nicht verbergen.

Eher dumpf ist die Erinnerung an drei einfältige Raubüberfälle mit vorgehaltener Waffe - allesamt in Lissabon.

In Moçambique hat  uns eine Gruppe RENAMO-Gangster mit langen Gewehren aus dem Auto des Regionalarztes gezogen und als Geiseln einbehalten. Ob sie zu bekifft waren oder weshalb sonst sie uns noch am gleichen Tag wieder laufen ließen, bleibt unklar.

Als Höhepunkt meiner Opferkarriere gilt mir jedoch eine rasante Flucht vor Verfolgern, die aus einem alten Lada heraus auf uns ballerten. Es waren Polizisten in Räuberzivil, die uns dank eines Rucksackes voller Fragebögen mit Drogen-Dealern verwechselt hatten - auch das in Lissabon.

Was kann man aus der ganz persönlichen Erfahrung schließen?

  • Daß Südafrika sicherer ist als Portugal?
  • Daß wir nie wieder nach Moçambique fahren? 
    Warum denn? Das Land ist faszinierend!
  • Daß Kap Verde ein Hort des himmlischen Friedens ist?

Verständlicherweise ist man als Verbrechensopfer im ersten Moment geschockt und verstört.

Die am wenigsten geeignete Zeit, analytischen Gedanken nachzuhängen und Empfehlungen zu geben, sind die ersten Tage nach einem Überfall. Man schwebt in einem psychischen Ausnahmezustand, im Wechselbad von Demütigung, Wut und unbandigem Glück, weil man wider Erwarten noch lebt. Nachts habe ich James-Bond Autos durch Träume gelenkt und mit Laserkanonen alle Bedrohungen weggefetzt. Nur, wenn die Elektronik versagte, bin ich schweißgebadet aufgewacht.

Wenn wir die Kriminalität in Entwicklungsländern im Allgemeinen und in Kap Verde im Besonderen bewerten wollen, kommen wir mit den emotionalisierten Fallstudien nicht weiter - genausowenig mit der frischen Wut wie mit dem bestenfalls blauäugigen Argument, es sei doch "alles soo schööön" und "mir bisher nie etwas passiert".

Wagen wir einen Blick in internationale Statistiken. Als übliches Maß krimineller Agression in einer Gesellschaft werden die Morde pro Jahr pro 100 000 Einwohner gesehen. Morde werden recht zuverlässig erfaßt und gehen erfahrungsgemäß parallel zur Häufigkeit von Körperverletzung, Raub und schwerem Diebstahl, so daß dieser Indikator Sinn gibt. Die Ausnahme sind die Australier, die klauen zwar wie die Raben aber sie morden sehr selten.

In Kap Verde steht die Mordrate bei etwa 5 Fällen pro 100000 Ew/Jahr.
Das entspricht dem Welt-Durchschnitt.

Den Finnen (0.6), Österreichern (2.1) und Amerikanern im ländlichen Vermont (0.7) erscheint es zu Recht sehr hoch.

Die Bundesrepublikaner gehören auch zu den Glücklichen mit vergleichsweise geringer Mordrate (1.2). Dabei sind die regionalen Unterschiede, wie in anderen Ländern auch, erstaunlich groß und reichen in Deutschland von 0.4 (Aachen) bis 2.8 (Berlin).

Den US Amerikanern (6.7), Bürgern von New York (1991 noch 33, jetzt 13) ist ein Gefährdungspotential wie in Kap Verde bekannt , und Bürger des ehemaligen Ostblocks (30) und Lateinamerikaner (30) fühlen sich - zu Recht - viel sicherer als zuhause.

Ersparen wir uns den Vergleich mit den traurigen Spitzenreitern unter den Großstädten, die es auf allen Kontinenten gibt: Washington DC (50),  Johannesburg (57), Nairobi oder Bogotá (80). Auch ohne das wird klar, daß weder Kap Verde noch irgend ein anderes Land der Welt unseriösen Werbeversprechen nach Art eines "www.Das-letzte-Paradies.com" entsprechen kann.

Die Reaktionen des Staates.

Mit der Schaffung einer Nationalpolizei, verstärkten Patroullien durch Beamte zu Fuss und per Mountainbike wird versucht, der Lage Herr zu werden.

In der Regel wiederholen Täter ihre Angriffe auf Touristen mehrmals am gleichen Ort, bis sie in eine Falle tappen oder selbst im Suff auf sich aufmerksam machen. Die Aufklärungsrate ist kurzfristig zwar niedrig aber langfristig hoch, was die Bitte an Reisende, die belästigt oder überfallen wurden, genaue Mitteilung an die Polizei zu machen, unterstreicht. Dass die Beamten die Hinweise nicht besonders enthusiastisch entgegennehmen und nicht sofort alles liegen und stehen lassen, um auf Langfingfang zu gehen, entsetzt so manches Opfer, verhindert aber nicht die langfristige Konsequenz.

Wer den Reisenden das Bild vom exotischen, armen und dennoch völlig sicheren Urlaubsort vorgaukelt, ist entweder naiv oder er will die Gäste für dumm verkaufen - oder beides!

Urlaubsreisende verhalten sich nicht selten kritikschwach und vertrauensseelig bis zur völligen Fahrlässigkeit. Dem liegt ein Wunschdenken und Harmoniesüchtigkeit zugrunde, die das positive Urlaubserleben steigert.
Ein schöner Aspekt der Urlaubs-Fernreise liegt darin, in unbekannte Landschaften und Gesellschaften zu führen und nur kurz zu dauern. Der Mangel an Zeit rechtfertig, daß man Örtlichkeiten und Kultur nicht wirklich kennen lernen muß - insbesondere nicht die negativen Seiten. Man erlaubt sich, durch einen mitgebrachten romantischen Traum zu reisen, abzuschalten von den Sorgen zu hause und die Probleme und Nöte rings um einen her nicht wirklich wahrzunehmen. Sagen wir mal, das sei gut so, weil es erholsam ist.
Individualtouristen
hoffen mitunter, dass Lässigkeit und Offenheit für fremde Kulturen von den Kriminellen dadurch honoriert wird, dass diese sie - einem schwer verständlichen Sankt-Florians-Prinzip folgend - verschonen.

Der gewollte Realitätsverlust darf nicht so weit gehen, daß der Reisende nicht mehr wahrnimmt, daß mangelnde Orts-, Sprach- und Kulturkenntnis ihn zusätzlich gefährden.

 

Man muß auf Reisen bewußter auf sich aufpassen als zu hause!

Abschließend habe ich den Eindruck, daß die Statistiken mit persönlichen Eindrücken und daraus abgeleiteten Verhaltenregeln recht gut übereinstimmen.

In einsamen Berglandschaften des Allgäus genauso wie in Santo Antão hegt man keinen Grundverdacht - ohne dabei dümmlich distanzlos zu werden.

Im städtischen Umfeld Kap Verdes und auf den vom Strandtourismus geprägten Inseln Sal und Boa Vista sollte man nicht weniger vorsichtig sein als in einer unbekannten europäischen Großstadt.

In Dakar oder Dar es Salaam bestellt man ab Einbruch der Dunkelheit ein Taxi, kontrolliert zweimal, ob es wirklich ein Taxi ist und steigt niemals in ein Fahrzeug, in dem mehr Leute als nur der Fahrer sitzen.

Und in Johannesburg oder Nairobi setzt man auch am vermeintlich ruhigen Sonntag Morgen freiwillig keinen Fuß in die Innenstadt. Das sind die Orte, wo man viel Zeit hat zum Lesen, Schreiben und, in meinem Fall, um sehnsüchtig Wanderkarten von stillen Bergen Kap Verdes zu zeichnen.

 


Praktische Hinweise:

Zu einem Diebstahl oder Raub gehören zwei:
Ein Täter und ein geeignetes Opfer. Sie können Ihre Attaktivität als Opfer, die Aussichten auf lohnende Beute und den eventuell eintretenden Schaden einschränken, wenn Sie unangepasstes Verhalten meiden
:
  • Nehmen Sie nur einen kleinen Teil ihres Urlaubsgeld in bar mit.
  • Holen Sie ihr Geld in kleinen Portionen von der Bank.
  • Kreditkarten sind gut, Reiseschecks sind besser.
    In CV gilt die VISA-card und zunehmend auch die Mastercard.
  • Registrieren Sie die Seriennummern wertvoller Geräte (Laptop, Kamera etc.), um ggf. Ihr Eigentum wiedererhalten zu können.
  • Tauschen Sie die typische Kamera-tasche gegen eine "normale", einfache Tasche

  • Deponieren Sie Geld, Kreditkarte, Reiseschecks, Pass und Reisedokumente im Hotel-Safe und tragen Sie nur Fotokopien bei sich. Selbst die Küchenschublade der Wirtin einer einfachen Pension ist sicherer als ein Rucksack am Strand!
  • Wenn Sie abgelegene Hotels bevorzugen, verlassen Sie diese im Taxi und nicht zu Fuss.
  • Besuchen Sie einsame Plätze in und um Praia, Tarrafal de Santiago, und auf São Vicente, Boa Vista und Sal nur tagsüber und niemals alleine.
  • Wandern Sie im Norden Santiagos, auf São Vicente und den Strandinseln (Sal und Boa Vista) nur mit einheimischem Führer.
  • Fahren Sie nach einem nächtlichen Disco- oder Restaurantbesuch auch kurze Strecken mit dem Taxi.

  • Tragen Sie keinen wertvoll erscheinenden Schmuck.
  • Zeigen Sie sich reserviert und resolut gegenüber sich rasch aufdrängenden „amigos“, auch Europäern.
  • Binden Sie keine bettelnden Kinder und Jugendliche an sich, indem Sie ihnen Münzen, Bonbons, Kugelschreiber oder sonstigen Tant schenken. Sie tun Ihnen damit ohnehin keinen Gefallen und Sie werden sie nur schwer wieder los.
    Der Trubel der kleinen Fische macht die Haie aufmerksam!

  • Schliessen Sie keine wesentlichen Geschäfte ab ohne Rechtsberatung und Beglaubigung durch einen einheimischen Anwalt / Notar.

  • als Segler melden Sie sich unverzüglich beim Hafenmeister.
  • Lassen Sie das Boot nie unbewacht.
    Versuchen Sie einen Platz in der bewachten Marina zu bekommen.
  • Vertrauen Sie nicht dümmlich-distanzlos ihren Bootsnachbarn.
    Auch in der Herde der Segler darf ein schwarzes Schaf durchaus weiss sein.

  • als Drogen-Konsumenten oder -dealer:
    Steigen Sie um auf Harmloseres und fahren Sie woanders hin.

  • Melden Sie jeden versuchten oder erfolgreichen Übergriff bei der Polizei.
    Auch wenn dies Ihnen Ihr Eigentum vielleicht nicht zurückbringt, ist es wichtig, weil die Polizei in einem kleinen Land ihre Pappenheimer recht gut überschaut und sich aus mehr Information rascher das Puzzle der Beweise schließt und die Aufmerksamkeit auf besondere Tätergruppen und Gefahrenzonen lenkt.

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update  25.05.2010
   
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